Mittwoch, 13. Februar 2019

Tod eines Gefährten



Bleierne Düsternis.
Eine Seele ist entschwunden
und kehrt nicht mehr zurück.
Und ist doch noch so präsent.




Montag, 28. Januar 2019

Ein Haus - mein Haus


Wie schön ist es,
ein Haus zu haben.
Ein Haus, das nicht ächzt
und knackt,
selbst wenn es draussen
stürmt und schneit.
Das Schutz bietet 
vor Regen, Schnee und Kälte,
vor Hagel und der sengenden Hitze auch.


Mittwoch, 16. Januar 2019

Ein heller Streifen

Als ich gestern Abend am Bahnhof stand und mitten unter all den anderen Pendlern auf meinen Zug wartete, habe ich zum erstenmal wieder einen hellen Streifen am Horizont bemerkt. Und als ich heute Morgen aus dem Haus ging, war die pechschwarze Nacht bereits der Dämmerung gewichen.


Die Tage werden also wieder länger! Wie jedes Jahr. Manchmal muss man nur zuversichtlich warten, das Licht kommt dann schon wieder, wenn es Zeit ist.

Mittwoch, 9. Januar 2019

Spaziergang in Weisslingen - Gratwanderung

Endlich etwas Schnee, endlich wieder Sonne und blauer Himmel! Nach all den Wochen unter dem grauen Hochnebeldeckel endlich wieder Luft zum Atmen! Und Lust auf einen Fotospaziergang, den ersten im neuen Jahr.


Beim Gehen lasse ich meine Gedanken schweifen, lasse sie segeln, sanft und entspannt im Trott meiner Schritte. Schliesslich landen sie auf dem Neujahrsmail, das ich von Freunden aus Deutschland bekommen habe. Meine Freunde berichten von den Renovierungsarbeiten an ihrem Haus, die sie selber durchführen, und sie fragen sich, wo dabei die Grenze zwischen Sorgfalt und Perfektionismus liegt:
"Was macht den Unterschied zwischen dem Streben nach Sorgfalt und Perfektionismus? Sorgfalt kostet Zeit und Aufmerksamkeit. Sie verlangt etwas beharrlich gut machen zu wollen. Die Arbeit geht nur so schnell von der Hand, wie es die Gründlichkeit erlaubt. Man kann sich aber auch „verpuzzeln“, zu viel Liebe an Details verschwenden. Wenn wir immer nur unser Bestes geben wollen, unterscheiden wir letztlich nicht mehr zwischen Zielen, für die sich jegliche Anstrengung lohnt, und solchen, bei denen absoluter Einsatz nur Vergeudung wäre."
Diese Frage beschäftigt auch mich. Wo liegt die Grenze zwischen dem richtigen, gesunden Mass und dem Über- oder Unterschreiten dieses Masses? Wer oder was sagt mir, was angemessen und sinnvoll, und was übertrieben ist? Wie weiss ich, wenn ich die Grenze zur Übertreibung überschritten habe?


Mir fallen viele Situationen in meinem Leben ein, an denen ich mir genau diese Frage gestellt habe, bewusst oder halb bewusst. Wann habe ich einen berechtigten Kampf um ein mir wichtiges Ziel geführt, und wo ist der Kampf zur Verbissenheit geworden? Wo habe ich zu früh aufgegeben und wann nicht rechtzeitig loslassen können? Wann war mein Einsatz angemessen, wann übertrieben oder gar vermessen?



Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr fällt mir auf, dass das ganze Leben in dieser Hinsicht eine Gratwanderung ist. Die Fürsorge um meinen Kater Nero zum Beispiel: Viele schütteln darüber den Kopf und hätten ihn schon längst einschläfern lassen, um wieder unabhängiger und freier zu sein. "Wegen einer Katze!" muss ich mir immer wieder kopfschüttelnd sagen lassen, "er ist doch eh schon alt". Doch jeder zieht seine Grenze woanders. Was für den einen übertrieben sein mag, ist für den anderen vielleicht noch nicht einmal gut genug. Die Entscheidung, wo die Grenze - oder die Gratwanderung - durchgeht, muss jeder für sich selber treffen.


Letztendlich geht es um Werte und die Art, wie man sein Leben führen möchte. "Ein gutes Leben führen" und "das richtige Mass" - darunter versteht jeder etwas anderes. Jeder Weg ist eine Gratwanderung, und jeder Weg ist anders, und die Entscheidung, wo er durchgeht, kann mir niemand abnehmen. Man kann nicht nach den Werten anderer leben. Was nützen mir mehr Unabhängigkeit und Freiheit, wenn ich mich in mir selber unwohl und uneins fühle.


Abweichungen von eigenen Weg passieren meist unbemerkt und schleichend. Meine innere Stimme ist dabei mein Wegweiser. Wenn ich auf sie achte, dient sie mir als zuverlässiger Kompass. Sie zeigt mir an, ob ich noch auf dem Grat wandere oder mich von diesem entfernt habe und mich bereits auf dem Weg ins Tal befinde. Ich war noch nie Meisterin darin, diese Stimme wahrzunehmen. Aber ich bin besser geworden.


Es gibt Leute, die spüren sich ganz genau und schnell "ja, das will ich" oder "nein, das tut mir nicht gut, das will ich nicht". Und es gibt Menschen, die verlernt haben, dieser inneren Stimme zu trauen, bis sie sie gar nicht mehr hören können. So wie ich. Ich musste erst erwachsen und selbständig werden, um wieder anfangen zu lernen, diese Stimme zu hören, sie von all den anderen in meinem Kopf zu unterscheiden. Und danach, ihr zu vertrauen. Und ihr zu folgen, ungeachtet all der anderen Stimmen ausserhalb von mir und in mir drinnen.


Das ganze Leben ist eine Gratwanderung. Was heute gut und angemessen ist und sich richtig anfühlt, gilt morgen möglicherweise schon nicht mehr. Die Lebensumstände ändern sich ständig und wir uns auch. Also gilt es zu korrigieren und auszutarieren, und dann erneut zu überprüfen und wieder zu korrigieren. Das ist anstrengend, zumindest für mich. Vielleicht lerne ich es mit der Zeit auch noch besser, so dass Kursänderungen müheloser vor sich gehen. Zum Glück sind Korrekturen immer wieder möglich. Wenn's diesmal nicht geklappt hat, dann eben beim nächsten Mal.


Immer wieder kehren meine Gedanken zu diesem Neujahrsmail zurück. Auch Tage später noch, als der Himmel wieder grau und die Wanderwege von eine dicken, schweren, nassen Schneeschicht bedeckt sind. Danke, J. und H.-H., das war das inspirierendste Neujahrsmail überhaupt! Und ein gesundes, gutes neues Jahr!

Freitag, 23. November 2018

Sonntagnachmittag im Winter

Ob ich mich daran erinnern werde, wenn ich alt und gebrechlich bin? Wenn ich vielleicht in einem Bett im Pflegeheim vor mich dahinvegetiere oder in einer sich auflösenden Alzheimer-Welt gefangen bin? Ob ich mich erinnern werde an die Sonntagnachmittage mit Nero auf dem Sofa, wenn es draussen garstig kalt und neblig war? Wie wir dagelegen sind, ich mit einem Krimi in der Hand und Nero langgestreckt auf meinen Beinen? Unermüdlich in unserer urgemütlichen Faulheit, beide schnurrend vor wohliger Behaglichkeit und Glück.




Sonntag, 23. September 2018

Pendler am Abend (Entfremdung III)

Gedränge von Beinen und müdes Geschubse von Rucksäcken am Bahnsteig,
abgelöschte Gesichter flüchten sich in Smartphones und Gratiszeitungen ohne Inhalt
- dürftiger Schutz vor Lärm und Beklemmung.
Geschlossene Augen, Stöpsel in den Ohren, schweigende Münder.


Weit oben am tiefblauen Himmel dreht ein Milan einsam seine Runden
und Mauersegler überschlagen sich in wilden Kapriolen.

Samstag, 1. September 2018

Und plötzlich ist es Herbst

Auf einmal ist er da, der Herbst. Am vergangenen Sonntag ist er eingetroffen. Alle haben es gemerkt, auch wenn niemand genau hätte sagen können, warum. Der Radiomoderator sprach schon am Morgen früh vom "ersten Herbsttag" und am Konzert begrüsste uns die Musikerin mit den Worten: "Schön, dass Sie an diesem... [Blick zum Fenster]... ja... [Zögern]... an diesem... herbstlichen... Sonntag nach Rheinau gekommen sind." Uns Besuchern ging es genau so wie der Musikerin. Wir waren ebenso verblüfft und konnten es kaum glauben, dass es auf einen Schlag so offensichtlich Herbst geworden war nach diesem Sommer, der ewig zu währen schien.

Der Herbst präsentierte sich an diesem Tag in seinem schönsten Gewand: tiefblauer Himmel, strahlender Sonnenschein, die Temperaturen kletterten, nachdem sich der Morgennebel aufgelöst hatte, steil in die Höhe und erreichten schon fast wieder sommerliche Werte. Und doch war es eindeutig Herbst. Wir sahen es am goldenen Licht, an den satten Farben, wir rochen seinen Duft, ja selbst die Luftbeschaffenheit war anders. Auch wenn es noch schöne, warme, möglicherweise sogar sommerlich heisse Tage geben wird: Der Sommer ist vorbei, der Herbst ist da.




Diesen ersten Herbsttag habe ich auf der Musikinsel Rheinau verbracht. Ich war an einem Morgenkonzert des Harfen-Duos "Arpe Diem".
Das Dörfchen liegt noch im Sonntagmorgenschlaf, als mich das Postauto an der Endstation rauslässt. Ich spaziere weiter auf der Dorfstrasse in Richtung Rhein, hinunter zur Brücke, vorbei an Abschrankungen und wenigen Menschen, die dabei sind, Stände und Festbänke für das Weindegustationsfest aufzustellen. Noch ist alles ruhig, leichter Nebel liegt über dem Wasser. Ich bin zu früh, ich habe Zeit, die Musikinsel zu erkunden, und freue mich aufs Fotografieren. Ich überquere die Brücke zur Klosterinsel und tauche ein in eine andere Welt. Stille empfängt mich. Besinnlichkeit erfüllt die Atmosphäre und ein Zauber liegt in der Luft.





Das Kloster dümpelte anscheinend jahrelang vor sich hin, bis unter Initiative von Christoph Blocher eine Stiftung ins Leben gerufen wurde, die es wieder aus seinem Dornröschenschlaft geweckt hat. Das Kloster wurde saniert und zur Musikinsel umfunktioniert. Musikerinnen und Musiker können hier zu bezahlbaren Preisen übernachten, Proberäume mieten und sich ganz ihrer Kunst widmen. Man mag von seinen politischen Ansichten halten, was man will. Doch mit der Renovation des Klosters und dadurch, dass es ausschliesslich der Musik gewidmet wurde, hat Christoph Blocher nicht nur den Musikern ein einzigartiges und mutiges Geschenk gemacht.

Musik höre ich auf der Klosterinsel - ausser am Harfenkonzert - keine, und doch ist die kreative Energie überall zu spüren. Sie erfüllt die ganze Insel auch ohne Töne. Wie gut passen da die minimalistischen Klänge des Komponisten Arvo Pärt, die die Harfenistinnen erklingen lassen, an diesem Ort: Seine Musik ist auf das absolut Wesentliche reduziert und repräsentiert dabei in dieser extremen Einfachheit doch die Vergänglichkeit und Ewigkeit. Ein einzelner Ton, wenn er schön gespielt ist, reicht, soll er gesagt haben.

Der Nebel löste sich schnell auf, die Farben waren prächtig, die Stimmung gut, das Konzert stimmig. Zurück in Richtung Dorf, jenseits der Brücke, ist das kleine Weinfest schon im Gange. Besucher und Ausflügler unterhalten sich, die Weinkellereien laden zur Degustation ein, eine Jazzband spielt dezent vergnügte Melodien, ein Grillstand verkauft Bio-Würste. Mit einer Chiliwurst in der Hand spaziere ich gemütlich wieder hinauf ins Dorf zum Postauto.