Sonntag, 24. Juni 2018

Pfingstrosen

Es gibt nur einen Ort,
den hier und jetzt.

Es gibt nur einen Weg,
meinen hier und jetzt.

Tausend Orte,
unzählige Wege,
unendlich viele Möglichkeiten!

Doch in Wahrheit gibt es
nur eine
Wirklichkeit:
hier und jetzt.




Dies zu erkennen, zu akzeptieren und mich damit zu versöhnen ist ein lebenslanger Prozess. Den Jungen macht man weis, Ihnen würde die ganze Welt offenstehen. Auch ich hielt das für  selbstverständlich wahr. Viel später kam die Krise, als ich realisierte, dass manche Türe ganz unbemerkt definitiv ins Schloss gefallen war. Und mit ihr kam die Panik, dass die vielen anderen, die ich unbedingt auch noch durchschreiten wollte, ebenfalls zugehen könnten, wenn ich nicht aufpassen und mich beeilen würde. Noch etwas später dann erkannte ich, dass ich es nicht mehr schaffen würde, sie alle zu durchschreiten, und ich erkannte auch, dass mir in Tat und Wahrheit noch nie die ganze Welt offengestanden ist, dass es die unendlich vielen Möglichkeiten in Wirklichkeit nie gab. Nun gilt es, mich damit auszusöhnen, mit den geschlossenen Türen und meinem Hier und Jetzt, so wie es ist. Und auch den Weg, den ich gegangen bin, anzuerkennen, ihn wertzuschätzen und zu würdigen.


Sonntag, 13. Mai 2018

Orange

Als Mädchen war meine Lieblingsfarbe Rot. Eindeutig und ohne jeden Zweifel. Jeder hatte damals eine Lieblingsfarbe. Die gehörte so selbstverständlich zu einem wie die Wohnadresse oder das Geburtsdatum. Die Lieblingsfarbe der meisten war Rot oder Blau. Meine Klasse liess sich dadurch in ungefähr zwei gleich grosse Lager einteilen. An andere Lieblingsfarben kann ich mich nicht erinnern. Ich wüsste nicht, dass jemand Braun oder Gelb oder Orange als Lieblingsfarbe genannt hätte, nicht einmal Grün. Trotzdem hatte ich einen orangen Schülerthek. Aber wahrscheinlich nur, weil es keinen roten gab. Meiner Lieblingsfarbe Rot bin ich mein Leben lang treu geblieben.


Als Jugendliche hasste ich Rosa. Rosa war für mich der Inbegriff des angepassten, süssen Mädchens, das ich nicht sein wollte. Ich war dazu gebildet worden, mit dem eigenen Verstand zu denken, eine eigene Meinung zu haben, eigene Vorstellungen zu entwickeln und alles zu hinterfragen, was vorgegeben war - dazu gehörten auch die Rollenbilder, die der Frau sowieso. Wir waren die Erben der 68er und der Emanzipation. Rosa war das Gegenteil davon. Rosa klang nach Püppchen, nach Illusion, nach Hollywood-Märchen. Niemand in meiner Klasse, absolut niemand wäre je auf die Idee gekommen, ein rosafarbenes Kleidungsstück zu tragen. Zerrissene Jeans, dunkle, ausrangierte X-Large-Pullis des Vaters und Schwarz, das war unsere Farbe. Aber Rosa? Niemals!



Als Erwachsene hasste ich Orange. Orange war die Altfrauenfarbe schlechthin. Alle alten Frauen lieben Orange. Bunt müsse es sein, das sei doch so schön! "Die Welt ist eh schon grau genug, da bringt doch Farbe Freude ins Leben!" Gemeint waren richtig knallige Farben, und sehr gerne auch Orange. Meine Schwiegermutter hatte ein ganzes Zimmer in Orange eingerichtet. Innerlich schüttelte ich immer den Kopf, wenn ich da reinmusste. Die Besitzerin des einzigen, mittlerweile eingegangenen Geschenkeladens im Dorf, verkaufte mir einmal einen orangefarbenen Schirm. Sie hatte nur noch orangefarbene Knirpse, oder solcherart gemusterte, dass Orange das kleinere Übel war. Ich kaufte den Schirm zwar, habe ihn aber immer gehasst. So sehr ich mich auch anstrengte und mir immer wieder sagte: "Es ist doch nur ein Schirm". Und ausgerechnet der ging nie kaputt oder verloren. Irgendwann, ich weiss es nicht mehr so genau, ertrug ich ihn nicht mehr und warf ihn weg oder 'vergass' ihn irgendwo absichtlich. Einfach, weil ich die Farbe nicht mehr ertrug.


Heute Vormittag begegnet mir Orange überall. Es springt mich regelrecht an. Noch weit davon entfernt, meine Lieblingsfarbe zu sein, finde ich ein paar orange Tupfer unterdessen noch ganz hübsch, sonnig und warm. Mittlerweile schaue ich mich beim Kleiderkauf selber nach Farben um. Im Winter höre ich mich zur Verkäuferin sagen: "Immer dieses Schwarz, Grau und Braun, allerhöchstens mal Weiss - wie schade, dass es nicht mehr Buntes zum Anziehen gibt, wo doch das Wetter eh schon grau und düster genug ist!" Die junge Verkäuferin nickt und wird sich ihre Sache denken.


Orange ist immer noch nicht meine Lieblingsfarbe, aber ich habe mich unmerklich mit ihr ausgesöhnt: Ich habe eine orange Festplatte, eine orange Giesskanne und mein schicker Fernseher hat einen orangefarbenen Rahmen. Und das Kleid, das ich mir gestern gekauft habe, hat verdächtig viel Orange in seinem bunten Muster.

Sonntag, 6. Mai 2018

Blütenträume - im Frühling, Sommer, Herbst oder Winter

Der Frühling kam dieses Jahr spät, dann kam er geballt, und schon ist er wieder vorbei. Welcher Frühling? Der meteorologische? Oder der astronomische? Der meteorologische Kalender unterteilt das Jahr stur nach den Kalendermonaten in vier Jahreszeiten à drei Monaten. Der astronomische kennt ebenfalls vier ähnlich lange Jahreszeiten, errechnet Beginn und Dauer dieser aber nach einem  komplexen Sonnenstand-Modell. Den phänologischen Kalender kennt man weniger. Er unterteilt das Jahr nicht nach fixen Daten, sondern flexibel nach dem Blühen gewisser Pflanzen und anderen Naturbeobachtungen. So kennt er nicht vier, sondern immerhin zehn Jahresperioden. Doch selbst diese Unterteilung wird dem Jahr und seinen Veränderungen nicht gerecht.



Heute spaziere ich unter einer düsteren, grauen Hochnebeldecke, wie wir sie hier sonst nur im Winter kennen. Der garstige Wind der letzten Tage erinnert mich eher an Herbststürme als an Frühling. Und doch liegt auf den Wiesen das frisch gemähte Gras und in der Ferne leuchten gelb die Rapsfelder. Das traumhafte Blütenmeer, das ich auf diesen Fotos einzufangen suchte, ist jedoch schon Vergangenheit, und im Wald schliesst sich nun auch die letzte Lücke in den Kronen und Büschen zur undurchdringlichen grünen Wand. Die Zeit der Üppigkeit beginnt, der Sommer. Herbst im Frühling, der schon fast Sommer ist? 



Offenbar haben wir Menschen das Bedürfnis einzuordnen, zu katalogisieren und kategorisieren. Das gibt uns ein Gefühl zu verstehen, zu kontrollieren und zu beherrschen. Es gibt uns ein Gefühl für Sicherheit in einer Welt, die mit Intellekt und Logik nie ganz begriffen werden kann, und kontrolliert schon gar nicht.




Konzepte und Begriffe sind die Grundlage unserer gemeinsamen Sprache. Sie ermöglichen es, die Dinge zu benennen, so dass auch andere sie verstehen - zumindest ansatzweise. Doch sie sind grob und vereinfachend, und vielfach unzulänglich. Sobald es genauer werden soll, wird's schwierig, da fehlen uns die Worte und es kommt leicht zu Missverständnissen.

Die Welt lässt sich nicht einordnen und erklären. Kategorien und Sprache sind Hilfsmittel, das Universum jedoch ist unfassbar und widersteht hartnäckig jedem Einordnungs-, Erklärungs- und Kontrollversuch. Zuerst war da die Welt, danach kamen Konzepte und Sprache. Nicht umgekehrt. Manchmal vergessen wir das und sind dann verwirrt und verärgert, wenn das Leben sich nicht so verhält, wie wir es uns im Kopf so schön zurechtgelegt hatten.


Sonntag, 22. April 2018

Frühling - Frühstück im Garten

So schnell kann sich alles ändern. Nach dem langen Winter ging es ruckzuck durch sämtliche Frühlingsstadien hindurch bis hin zum - zumindest temperaturmässig - Hochsommer.

Heute konnte ich bereits zum zweitenmal im Garten frühstücken. Mein alter Kater Nero ist immer noch dabei, auch wenn ihn die neugierige Nachbarskatze so gestresst hat, dass er bald wieder reingegangen ist. Vor einem Jahr noch hätte er sie vertrieben.


Ich stelle den Frühstückstisch so um, dass ich mit dem Rücken zur Sonne sitze. Es ist angenehm warm. Ich geniesse meinen Kaffee, die Sonntagmorgenruhe und schaue dem Spektakel zu, das sich vor meinen Augen abspielt: Die frühe Morgensonne wandert durch den Garten und beleuchtet mal dies, mal das, zeichnet Schatten und modelliert Formen. Wie ein Scheinwerfer strahlt sie den Birnbaum an, der bereits in voller Blüte steht, die rosa Knospen des alten Apfelbaums, taucht den Bambus in goldenes Licht, strahlt das junge Lavendelbäumchen an, zeichnet ein zartes Spiel aus Licht und Linien mit den noch kahlen Ästen und Zweigen des Nussbaums und lässt aus den tanzenden Blütenkätzchen der Birke ein rauschendes Lichtermeer entstehen.





Und während ich sitze und mich von diesem Schauspiel verzaubern lasse, fallen mir die Verse einer alten Kirchenmotette ein: "Alles strebt dem Licht entge-he-gen, alles strebt zum Licht! Alles strebt dem Licht entge-he-gen, alles strebt zum Licht. Aaaa-lles aaaa-lles, alles strebt zum Licht." Die einfache Melodie geht mir nicht mehr aus dem Kopf und begleitet mich noch durch den ganzen Tag.


Freitag, 23. Februar 2018

Spaziergang in Weisslingen - fotografische Spielereien

Es gibt Tage wie diese, grau, windig, kalt - einfach rundum öde und garstig.



Heute habe ich zu überhaupt nichts richtig Lust und zum Rausgehen schon grad gar nicht. Das innere Kind stampft und trotzt: Es wird sicher nicht raus gehen! Es hat überhaupt keinen Bock, weder aufs Spazieren noch aufs Fotografieren. Es hat die immer gleichen Wege satt und findet die ewig gleichen Motive so was von langweilig! Auf gar keinen Fall und überhaupt kommt nicht in Frage! Doch da ist noch eine andere Stimme, eine leisere, warme, liebevolle, die sanft sagt: Du weisst, dass es dir gut tun wird, und wenn du erst mal draussen bist, ist es gar nicht so schlimm. Die Kamera kannst du ja einfach umhängen, du brauchst gar nicht zu fotografieren, wenn du nicht möchtest. Falls du dann doch etwas siehst, hast du sie wenigstens dabei.



Die mütterliche Stimme überzeugt mich und ich mache mich bereit für den Sonntagsspaziergang. Das trotzige Kind schreit lauter und wehrt sich nach Kräften, es hat immer noch überhaupt keine Lust. Da fällt mir ein, wie ich das Kind vielleicht doch noch überzeugen kann: mit einem Spiel! Wir spielen ein Spiel mit der Kamera, es nennt sich "Getting grounded". Das Kind hat aufgehört zu murren, schaut mich jetzt mit wachen Augen an und hört mir aufmerksam zu. Alle Fotos, die wir heute unterwegs machen werden, machen wir von Bodenhöhe aus,  aus dem Blickwinkel einer Maus sozusagen.



Das Problem dabei ist einerseits der Schnee und anderseits die Bildkomposition, denn selbst wenn ich mich auf den Bauch legen würde, wäre es schlecht möglich, vor dem Auslösen durch den Sucher zu schauen. Fürs erste Problem gibt's eine einfache Lösung. Sie heisst GorillaPod und ist ein leichtes Ministativ aus Plastik, das sich in alle Richtungen biegen und drehen lässt. Ich möchte nicht, dass die Kamera im Schnee oder Schlamm versinkt. Fürs zweite Problem gibt es mehrere Möglichkeiten: Ich kann runterknien und versuchen, das Foto so gut es geht zu planen. Oder ich kann alles auf Automatik stellen, mich über die Kamera beugen, auf gut Glück den Auslöser drücken und mich von der Kamera überraschen lassen. Oder Varianten dazwischen ausprobieren.





Das innere Kind ist voller Vorfreude und hat jeglichen Widerstand aufgegeben. Ich ziehe los. Draussen bläst ein eisiger Wind und es ist wirklich garstig, so dass ich meine übliche Spazierrunde abkürze. Aber in der Zeit, in der ich draussen bin, habe ich eine Menge Spass mit dem Rumexperimentieren. Ich bin so versunken in meinem fotografischen Spiel, dass ich die Zeit vergesse und erst wieder heimkehre, als meine Finger taub sind vor Kälte. Mit einem breiten Lächeln und einem jauchzenden Kind.


Die Fotos, die heute entstanden sind, erstaunen mich. Derselbe Weg wie immer, dieselben Motive - aber was so ein kleiner Perspektivenwechsel doch für einen Unterschied machen kann! Ich komme mit völlig anderen Bildern heim wie sonst, und jedes Bild ist eine kleine Überrachung.



Diese fotografische Übung ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern stammt vom Online-Kurs "Picture Spring" (https://tracey-clark.teachable.com/p/picture-spring-sp) von Tracey Clark (http://traceyclark.com). Ich kann den Workshop jeder/m empfehlen, der gerne rumexperimentiert und spielerisch-fotografisch in den Frühling starten will. Viel Spass!



Sonntag, 11. Februar 2018

Spaziergang in Weisslingen - Bergsturz


Es beginnt ganz leise und unscheinbar. Wie erste Kieselsteine, die ins Rollen geraten und den entfernten Erdrutsch ankündigen, summieren sich die ärgerlichen, bedauerlichen und doch ganz gewöhnlichen, teilweise völlig unwichtigen Ereignisse: der Lieblingsschirm, der liegengeblieben ist, ein verspäteter Zug und ein verpasster Anschluss, eine unachtsame Bemerkung, nicht bös gemeint, ein blödes Missverständnis, ein Missgeschick in der Hektik, der Abschied von einem lieb gewonnenen Kollegen, ein Antwortmail, das nicht rechtzeitig kommt. Banale Alltagsscheissereien eben.

Da rollt ein Steinchen hinunter, dort ein grösserer, und auf der anderen Seite gleich mehrere zusammen. Und man steht da, man sieht sie rollen, versucht den einen aufzuhalten, den anderen abzufangen und die rieselnde Erde festzuhalten. Doch irgendwann sind es zu viele, der Hang beginnt zu wanken, und man wankt mit. Mit aller Kraft stemmst du dich dagegen, greifst verzweifelt nach den Grashalmen und Wurzeln, die sich dir helfend entgegenstrecken. Die Krallen der Trauer aber halten dich längst fest und ziehen dich unweigerlich hinunter.


Du weisst es aber noch nicht, wehrst dich standhaft und zappelst. Versuchst, die Trauer in Wut umzuwandeln, stellst Zielscheiben auf: "sie hat...!" und "er hat nicht...!". Doch wenn du ehrlich mit dir bist, nimmst du die Schiessscheiben wieder runter, denn was passiert hat nichts mir "ihr" und "ihm" zu tun. Du richtest dann die Wut gegen dich selber: "warum habe ich...?" und "warum habe ich nicht....?".  Doch wenn du genug erfahren bist, durchbrichst du auch diesen Kreis von destruktiven Gedanken, denn Selbstvorwürfe sind sinnlos und mehren nur den Schmerz.


So fällst du weiter, immer tiefer zieht es dich jetzt hinunter, unaufhaltbar wird dein Fallen. Du spürst, dass dich die Kraft verlässt, dass die Kraft nicht mehr reicht, dagegen anzukämpfen, und dass alle Grasbüschel, Zweige und Äste dieser Welt dir niemals so viel Halt bieten könnten, dass du nicht fällst. Und irgendwann beginnst du loszulassen. Keine Kraft könnte den freien Fall mehr stoppen. So gibst du auf, lässt los und lässt dich runterziehen. Ganz tief hinunter, bis in den Hades, dort, wo kein Sonnenstrahl sich je verirren wird und sich die Gollums dieser Welt versammeln.


"Go with the flow" heisst es. Nur dass der "Flow" diesmal nach unten führt. Doch, so paradox es klingt und so unvorstellbar es dir im Moment erscheint, dich fallenlassen ist der erste Schritt zur Heilung. Es ist das beste, was du tun kannst. Dem Fluss zu widerstehen, wird dir eh nicht gelingen und dein Leiden nur in die Länge ziehen.


Und wenn du fällst und fällst, und du im Fallen Übung hast, weisst du, dass irgendwann die Talsohle erreicht sein wird. Je eher, desto besser. So tief du auch fällst, die Talsohle kommt immer. Irgendwann schlägst du auf, dann wird es augenblicklich wieder ruhig und still. Du bleibst erst mal noch eine Weile benommen liegen. Beginnst ganz vorsichtig, die Glieder zu bewegen. Prüfst, ob noch alles da und ganz ist. Spürst wieder etwas Kraft zurückkehren. Stehst also langsam auf, ungelenk und wacklig. Klopfst dir den Staub aus deinen Kleidern, schüttelst Schlamm und Erdkrumen ab und schaust dich um. Danach probierst du, einen ersten Schritt zu gehen, und dann behutsam einen zweiten, und dann den nächsten. Und machst dich langsam wieder auf den Weg, der Talsohle entlang. Hochzuschauen und nach der Stelle zu suchen, wo du vorher gestanden bist, macht keinen Sinn. Du bist jetzt hier und musst von hier aus weiter. Es wird noch dauern, bis du wieder an Höhe gewinnst, wie lange, weiss man nicht. Es spielt auch keine Rolle. Wichtig ist nur, den einen Schritt zu machen, der dich ein kleines bisschen weiter weg bringt von dort, wo du gerade stehst.


Langsam dringen Geräusche wieder zu dir durch, du erkennst blass die Farben wieder und spürst die Gräser am Wegesrand, die dich nun liebevoll, sanft tröstend streifen. Die kalte Luft tut gut und erfrischt angenehm das Gesicht. Die Welt um dich herum beginnt sich langsam wieder zu bewegen, du nimmst sie wahr, wirst wieder Teil davon. Sie ist noch da, es ist noch alles da, nichts hat sich verändert. Auch du bist immer noch ganz und da. Die Wunden von dem Sturz beginnen sich schon langsam wieder zu schliessen. Die Narben bleiben, doch man sieht sie kaum, und auch du hast sie vielleicht schon bald vergessen.



Mittwoch, 31. Januar 2018

Spaziergang in Weisslingen - Frühling, Neubeginn

Die lang vermisste Sonne drückt heute endlich wieder sanft durch die graue Wolkendecke. Von drinnen sieht es aber freundlicher aus, als es in Wahrheit ist. Die Sonne ist blass und wärmt noch kaum, es bläst ein kalter Wind. Und doch entdecke ich auf meinem Spaziergang überall Boten des Frühlings, Zeichen des Neuanfangs.



Nachdem sich mit den Winterfeiertagen auch der Schnee vom Mittelland verabschiedet hat, sah es schon bald - wir glaubten es kaum - recht frühlingshaft aus. Die Tage wurden länger, das Licht mit jeder Woche mehr, und es schien sanfter und vielversprechend.


Am Teich tut sich noch nichts, die Froschschutznetze entlang der Wege sind aber grösstenteils schon aufgestellt. Das Gras der Wiesen grünt intensiv und frisch, und in den Bäumen singt, krächzt und flattert es gewaltig. Nicht nur die Krähen sitzen jetzt paarweise auf den Ästen.



Braun und dunkle Farbtöne dominieren noch im Wald, doch zwischendurch strahlt bereits das helle Grün vom Moos und jungem Farn, und schon an manchen Büschen wachsen Knospen.



Frühling, ein neuer Lebenszyklus beginnt. Die meisten Neuanfänge kommen leise, in kleinen, kaum wahrnehmbaren Schritten, wie der Frühling. Und wie der Frühling sind sie unaufhaltbar. Ein Neubeginn ist immer möglich. Warum nicht jetzt? Der Frühling hat doch auch schon wieder angefangen.