Sonntag, 27. Oktober 2019

Auf dem Weg

In letzter Zeit bin ich viel zu Fuss unterwegs, meistens alleine. Zuletzt bin ich in mehreren Etappen auf dem Schaffhauser-Zürcher Jakobsweg von Schaffhausen bis zu mir nach Hause gewandert. Dabei gehe ich nicht, um an einem besonderen Ort anzukommen oder um spektakuläre Landschaften zu sehen. Ich gehe um des Gehens willen.


Ich gehe aus einem Drang heraus, getrieben von einer inneren Unruhe. Ich gehe, um auszubrechen aus meinem durchgetakteten Alltag, der viel zu häufig geprägt ist von Bildschirmen, Druck und Enge. Ich gehe um zu fliehen, und ich gehe um anzukommen. In erster Linie bei mir selbst.


Ich gehe, um Gedankenkreisen zu durchbrechen, um wirre Gedanken zu ordnen, vor allem aber gehe ich, um nichts zu denken. Um Leere zu schaffen für Ungedachtes und Raum für neue Gedanken.




Ich gehe, um mich lebendig zu fühlen, um mich zu verbinden, mit mir selbst und mit der Welt, die mich umgibt. Ich gehe, um die Relationen wiederherzustellen, um die Leichtigkeit wiederzufinden und um mich wieder einzuordnen ins grosse Ganze.

Ich gehe, um in Bewegung zu bleiben. Um nicht zu vergessen, wie man aufbricht. Ich gehe, um vorwärtszukommen, weiterzukommen, auch wenn ich kein Ziel habe, das ich erreichen will. Ich gehe, um nicht stillzustehen.

Ich gehe, um Freundschaft zu schliessen mit mir. Denn auch diese Freundschaft will gepflegt sein.


Ich gehe, um zu sehen. In der Ferne sah ich die Luft flimmern, erstaunt weil es doch gar nicht so heiss war. Und überwältigt, als ich erkannte, dass es nicht von der Hitze kam, sondern von unendlich vielen Staren, die sich versammelten und mit ihrem Flug die Luft zum Vibrieren brachten. Ich sah schmucke Fachwerkdörfer, jede Ecke perfekt herausgeputzt und sorgfältig geschmückt, und keinen Menschen darin. Ich sah, wie verkehrsreiche Durchgangsstrassen Ortschaften durchschneiden und Begegnungen verunmöglichen. Ich sah, wie selbstverständlich alles auf Autos ausgerichtet ist, nicht auf Fussgänger und erst recht nicht auf Tiere. Ich sah einen toten Igel am Strassenrand, überfahren in der 30er-Zone. Ich sah eine Geflügelzucht mitten im Nirgendwo, mit Stacheldraht und hohen Zäunen gesichert, mit verrammelten Türen und winzigen Fenstern unter dem Dach. Und aus dem Stall, der Platz für tausende Hühner bieten muss, drang kein Laut, nur gespenstische Stille und das Brummen der Lüftungsanlage. Ich sah, wie das goldene Herbstlicht den bunten Blätterteppich zum Leuchten brachte, und wie die Dämmerung den Wald märchenhaft blau einfärbte. Ich sah bunte Graffiti an grauen Betonwänden, grüne Wüsten in "naturbelassenen Naherholungsgebieten" und lauschige Plätzchen, wo niemand sie erwarten würde.


Wenn ich nach dem Gehen wieder zu Hause ankomme, dann ist die Welt um mich herum vielfältiger, vielschichtiger geworden. Dann bin ich meinen Weg gegangen. Den eigenen Weg findet man nicht, man geht ihn bloss.

Donnerstag, 26. September 2019

Herbst

Pilze im Wald und reife Beeren, Tannzäpfen am Boden und erste herabgefallene Blätter. Herbstzeitlosen blühen, und braune Stängel verdorrter Sommerblumen stehen übriggeblieben am Wegesrand. Erste Morgennebel ziehen auf, und dann das sanfte, goldene Licht.


Wie keine andere Jahreszeit kündet der Herbst vom ewigen Kreislauf des Lebens, vom Werden und Vergehen. Nichts kann sich dem entziehen. Wieso nur haben wir trotzdem solche Mühe, uns damit abzufinden? Wieso nur fällt uns loslassen so schwer? Wieso nur halten wir krampfhaft an Zuständen, Menschen und Situationen fest? Klammern uns an Glücksmomente und sind dann jedesmal von neuem überrascht, wenn sie nicht ewig halten? Wieso nur fallen wir in dunklen Zeiten in tiefste Hoffnungslosigkeit und Trauer, als ob es keinen Morgen mehr gäbe? Als ob nicht alles und immer ein Auf und Nieder ist, als ob nicht auch auf schlechte Zeiten wieder bessere folgen würden und auf Abschiede neue Begegnungen.


Man muss "versuchen, die Fragen selber lieb zu haben", meint Rainer Maria Rilke, und "Geduld haben". Denn Antworten gibt es keine, beziehungsweise die muss jeder für sich selber finden. Und nichts ist für die Ewigkeit - im Guten wie im Schlechten.


Das Gedicht von Rainer Maria Rilke heisst "Über die Geduld". Die Fotos sind von der Via Francigena, dem Frankenweg, auf dem ich vor kurzem mit dem Fotokünstler im Aostatal gewandert bin. Weitere Fotos von der Reise in diesem Album


Sonntag, 11. August 2019

"Wir bauen für Sie um"

Als ich vorletzte Woche im grossen Coop in Winterthur einkaufen wollte, erwartete mich dort, wo sonst das Gemüse ausgelegt ist, eine riesige Baustelle. Grosse Plakate informierten mich, dass "für uns Kunden" umgebaut wird, und baten um Geduld. "Wir modernisieren für Sie", damit nachher alles noch schöner und toller wird, lautete die Botschaft. Dabei war das Geschäft doch vorher auch schon schön, modern und toll. Ich reagierte irritiert: Wieder eine Änderung, die keiner braucht! Wieder jemand, der am Rad der sich ständig schneller verändernden Welt mitdreht, weil er denkt, dass er mitmachen muss, um ja nicht hinterherzuhinken und etwas zu verpassen. Ich fragte mich, wie viele der andern Kunden wohl auch ganz zufrieden mit ihrem Coop gewesen sind, so wie er war. Freude habe ich jedenfalls keine in den Gesichtern um mich herum erkennen können, weder in denen, die beim Einkaufen waren, noch in denen der Angestellten. Was ich hingegen beobachtet habe waren Stress, Ärger und Resignation. Das wird sich natürlich schon bald wieder legen. Wir werden uns alle auch an den noch moderneren Coop gewöhnen, werden das Positive schätzen lernen und das eine oder andere Mal sogar in der neu gebauten Convenience-Food-Abteilung einkaufen.



"Alles wird besser, Valser bleibt gut", lautete ein Werbespruch des bekannten Mineralwassers, der genau mit diesem allgegenwärtigen Veränderungszwang spielt. Beständigkeit und Veränderung, Gewohnheit und Erneuerung, Langeweile und Ablenkung - der Mensch braucht beides, einen Mittelweg zu finden, ist schwierig. Das Pendel hat sich in unserer Gesellschaft längst für ein Tempo entschieden, bei dem die Seele nicht mehr nachkommt. Das sich drehende Hamsterrad ist zum Selbstzweck geworden, die Angst, den Anschluss zu verpassen und zurückzubleiben mit schrecklich düsteren Drohszenarien für die Zukunft, zum Killerargument. Dass vieles und viele dabei auf der Strecke bleiben, scheint weniger gewichtig.


Unterdessen hat Valser eine neue Marketingkampagne lanciert: "Feel Limitless" lautet der neue Slogan, der ein Lebensgefühl von grenzenloser Freiheit und unendlich vielen Möglichkeiten vermitteln soll. Offenbar wurde der Werbespot auf Youtube bereits über eine Million Mal angeklickt.

Sonntag, 21. Juli 2019

Lignano Sabbiadoro



Das Schlurfen von Badeschläppchen morgens über dem Gehweg, das Scheppern und Zischen der Kolbenmaschine, der Duft nach Kaffee und das Lachen aus der Bar beim Vorbeigehen. Das Klingeln einer Fahrradglocke, das Kreischen von Kindern und das Summen des Stimmengewirrs bei der Ankunft am Strand. Der feine Sand, der unter den Füssen leicht nachgibt und in der Mittagshitze brennt. Barfuss auf dem gerippten Fliesenboden der Terrazza Mare, die entspannte Lounge-Musik aus den Lautsprechern, der Milchschaum des Caffè macchiato auf der Zunge. Und dann das Licht, dieses sanfte, goldene Licht, das alles und alle schöner macht, vor allem abends, wenn es Zeit wird, zum Essen zu gehen, und der Bademeister beginnt, routiniert Sonnenschirme zu schliessen und Liegestühle zusammenzuklappen. Und dann das Duschen, obwohl uns anschliessend der Schweiss gleich wieder runterläuft. Das Knacken der Chips zum Prosecco, Ediths Plaudern und unsere Sprüche über den jungen Kellner, und das Losprusten kaum ist er weg. Der Duft nach Shampoo und Bodylotions im Gedränge auf der Flaniermeile in der schwülwarmen Nacht. Und in der Strasse gleich dahinter das unbeirrte Zirpen der Zikaden, so unglaublich laut und inbrünstig, dass man es für Sprinkleranlagen halten könnte.


Was für ein Irrsinn, und doch wie schön! Immer noch und immer noch gleich, seit Kindheitstagen. Ich glaube, ich war hier schon einmal mit allen, die mir im Leben wichtig waren (abgesehen von Nero). Gegenwart und nostalgische Erinnerungen aus verschiedenen Lebenszeiten überlappen sich und weben weiter an dem Stoff, der mich in kühlen, dunklen Zeiten sanft umhüllen und wärmen wird.

Montag, 8. Juli 2019

Pendeln - in der S3 zwischen Illnau und Effretikon, kurz nach 7 Uhr


Mir gegenüber sitzt eine Frau. Ihr Alter ist schwer zu schätzen, mittelalterlich vielleicht, eher jünger. Sie blättert abwesend in der Gratiszeitung, ohne darin zu lesen. Ihr Körper ist füllig, das Gesicht schmal und farblos, die Mundwinkel hängen nach unten. Keine Spur von Make-up. Blaue Jeans, blaues Shirt, blaue Schuhe. Mittellanges, gerades Haar in mittelbrauner Farbe. Eine einfache silberne Halskette ist der einzige Schmuck, den sie trägt.


Als ich sie zum Abschied grüsse, bringt ihr Lächeln das Gesicht zum Strahlen und macht es augenblicklich schön.

Freitag, 28. Juni 2019

Gesprächsfetzen


Bahnhof Fehraltorf, kurz vor halb zehn Uhr morgens. Eine Handvoll Erwachsener wartet wie ich auf die S3 nach Zürich. Einige unterhalten sich zu zweit oder zu dritt. Jugendliche hat es keine, Kinder auch nicht, ausser einem Mädchen im Buggy. Sie scheint mir etwas zu gross für den Kinderwagen, in dem sie sitzt. Das Mädchen sieht fremdländisch aus mit ihren schwarzen Locken und dem dunklen Teint. Die Stirn in Falten gezogen starrt sie ernst vor sich hin, zu ernst für dieses junge Alter. Ich nehme Blickkontakt auf und versuche, ihr ein Lächeln zu entlocken. Da erkenne ich ihre Mutter, ich habe sie hin und wieder zusammen mit ihrem Mann in Weisslingen gesehen. Eine Flüchtlingsfamilie fällt in so einem Dorf auf. Der Mann grüsst immer sehr freundlich, wenn er am Morgen zur Bushaltestelle kommt. Die Mutter ist im Gespräch vertieft mit einer schönen, hochgewachsenen Frau, die eine entfernte Bekannte zu sein scheint.

Die Grosse: "Wie alt ist sie jetzt?"
Die Mutter: "2 Jahre. Nach Sommer geht sie in Spielgruppe."
G: "Sehr schön! Jeden Tag?"
M: "Nein, nur Dienstag. Ja, schön, sie spielen... andere Kinder..."

Auch von der anderen Seite schwappen Fetzen einer Unterhaltung zu mir herüber. Ein drahtiger, braungebrannter Mann mit kurzem, weissem Haar, in kurzen Hosen und Turnschuhen, eine gelbe Plastiktasche von Radio Zürisee über der Schulter, redet auf eine etwas blasse Frau mittleren Alters ein, vielleicht eine Nachbarin. Der Mann scheint sich rundum wohlzufühlen in seiner Haut, zufrieden mit sich und der Welt schaut er immer wieder erwartungsvoll in die Runde der Wartenden, wie ein Schauspieler zum Publikum. Die Frau ist in der Rolle der Statistin, die hin und wieder Fragen stellt und ihm aufmunternd zulächelt.

Der Mann: "Bei uns zu Hause haben wir 23 Grad. Das ist super! Nur draussen ist es heiss. Wir halten eben konsequent die Fenster geschlossen. Erst nach Mitternacht machen wir auf. Wer zuerst aufstehen muss zum Pinkeln, macht alle Löcher auf."


Die Grosse: "In welche Klasse gehst du?"
Die Mutter: "A2 bis A3, aber nur bis Sommer."
G: "Dann hast du Ferien? Wann beginnen die Ferien?"
M: "Juli, ich glaube 4. Juli.
G: "Aha"

Die Statistin: "... da war meine Freundin schon im Greifensee schwimmen."
Der Mann: "Ich schaffe es einfach nicht, am Morgen Sport zu machen. Aufstehen macht mir nichts aus, ich stehe immer früh auf. Aber Sport machen, das schaffe ich nicht. Ich stehe schon früh auf, das macht mir nichts aus. Aber ich bin dann einfach müde."

Die Mutter: "Gehst du arbeiten?"
Die Grosse: "Nein, heute nicht. Heute habe ich einen Termin in Winterthur... Und am Nachmittag habe ich frei."
M: "Was arbeitest du?"
G: "Ich unterrichte, ich unterrichte Klavier. Aber heute habe ich frei."



Der Mann: "Ja, gestern Abend. Doch doch. Wir sind dann einfach statt auf die Bahn in den Wald gegangen. Das ging dann. Und wir haben es gemütlich genommen, haben ein gemütlicheres Tempo angeschlagen, ganz entspannt."
Die Statistin: "..."
M: "Ja, heute gehe ich auch, aber wir treffen uns erst um neun Uhr. Dann ist es nicht mehr so heiss."

Die Grosse: "Kann man da mit dem Flugzeug hinfliegen?"
Die Mutter: "Ja, ja, mit dem Flugzeug."
G: "Über die Türkei?"
M: "Ja, viele fliegen über Türkei..."
G: "Das ist schön, dass du mit dem Kind hinfliegen kannst."
...
G: "Ich drücke dir die Daumen, dass es mit der Arbeit klappt!"

Das stille Zwiegespräch zwischen dem Mädchen und mir bemerkt niemand. Wir verständigen uns mit Blicken, lautlosen Grüssen, Lächeln. Irgendwann beginnt das Mädchen zurückzulächeln, wendet den Blick etwas beschämt ab, schaut wieder her, wiederholt das Spiel mehrmals und bricht dann in ein glucksendes Lachen aus.


Mittwoch, 26. Juni 2019

Sommeranfang




Pünktlich auf den Sommeranfang ist das heisse Wetter auch bei uns angekommen! Und gleich mit Rekordtemperaturen, sozusagen ein Senkrechtstart. Schnell werden Röcke und Sandalen hervorgekramt, kurze Hosen und Leinenhemden. Viel nackte Haut am Bahnsteig schon am Morgen früh, Sonnenbrillen und Flipflops. Die ausgelassene und entspannte Stimmung jedoch hinkt etwas hinterher und lässt noch auf sich warten.


Die langen Sommerferien sind in Reichweite, ein Hauch von Kokosöl- und Kerosenduft liegt in der Luft.

Freitag, 21. Juni 2019

Spaziergang in Weisslingen - schwüle Müdigkeit

Mitte Juni und Wetter wie im November. Dichter Regen prasselt aus grauen Wolken. Und trotzdem möchte ich an die frische Luft. Als nach einiger Zeit der Regen schwächer wird, ziehe ich ich die Wanderschuhe an, und bis ich aus der Türe bin, hört es gänzlich auf zu regnen.



Es zieht mich vom Garten aus geradeaus übers Feld. Die frisch gemähten Stoppeln sind ganz hell, mehr gelb als grün, und hier und da liegen noch Resten des Heus, das der Bauer vorgestern eingefahren hat. Ich marschiere weiter geradeaus über die Wiese, bis ich den Feldweg erreiche, und folge diesem bis ans Ende des "Püngertli", der einfallslosen Siedlung, die vor einigen Jahren hier gebaut wurde und so gar nichts mit dem Rest des Dorfbildes zu tun hat.



Die Wolkendecke lichtet sich, und die wenigen Sonnenstrahlen reichen, um kräftig einzuheizen. Augenblicklich wird es schwül. Die ganze Feuchtigkeit des vielen Regens verdampft und steigt vom Boden in die Luft. Mein Aufstieg wird beschwerlich. Keuchend marschiere ich weiter den Hang hoch, der Kies knirscht unter meinen Schuhen.



Um mich herum ist üppige Vegetation, grün in allen möglichen Nuancen. Vom schlechten Wetter abgelenkt habe ich kaum bemerkt, wie sich der Frühling verabschiedet und Sommer sich eingeschlichen hat. Auf den Feldern ist das Korn schon hoch. Unermüdlich kreist der Milan über die weite Landschaft und kündigt mit seinen eindringlichen Schreien die neue Jahreszeit an - die Jahreszeit, die mir die liebste ist. Wieso nur mag ich mich jetzt so gar nicht recht darüber freuen?



Es zieht mich in den Wald hinein. Die Spuren der vergangenen Gewitternacht sind auch hier überall zu sehen: abgebrochene Zweige und heruntergerissene Blätter bedecken den Weg, grosse Pfützen haben sich darauf gebildet. Die Luft im Wald ist etwas frischer, doch auch hier ist es schwül. Liegt es an der Erschöpfung, dass dieser Ort heute meine Stimmung nicht erhellen kann? An den Veränderungen, die vor sich gehen? An denen, die ich noch nicht integriert habe, und denen, die noch anstehen? Der Vogelgesang im Wald ist heute so wunderschön wie immer, und doch schafft er es diesmal nicht, mein Herz zu berühren.


Ich biege nun rechts ab ins Dickicht. Eine letzte Steigung noch, dann bin ich oben angelangt. Wie friedlich ist es hier, und ruhig. Die einzigen Geräusche sind das Knirschen meiner Schritte, das mannigfaltige Vogelgezwitscher und die dicken Wassertropfen, die ploppend von den Ästen fallen. Es duftet nach nassem Erdboden, nach frischer Vegetation, nach Holz, nach Nässe, nach prallem Leben.


Waldbaden - ein neues Wort für eine alte Tätigkeit, die bisher ohne Fachbezeichnung auskam. Waldbaden kann man heute hier wortwörtlich, so feucht und nass ist es um mich herum.



Der Weg zweigt nun links ab und führt mich in einem grossen Bogen wieder hinaus an den Waldrand. Genug gewaldbadet für heute. Die vielen Akeleien am Wegesrand halten ihre Köpfchen immer noch nach unten gesenkt aus Schutz vor den schweren Regentropfen. Doch die Wolkendecke reisst immer weiter auf und in ein paar Stunden werden sie ihre hübschen Kelche wieder der Sonne entgegenstrecken können.



Der Wanderweg führt mich nun wieder hinunter, zurück in die Zivilisation. Auf der Wiese zirpen die Grillen, Vogelgesang erklingt in meinem Rücken, und in der Ferne zwei Knaben, die auf dem Feld neben dem Weiher Fussball spielen.





Ein Schreckensmoment, als ich das abgetrennte Bein eines Rehs entdecke - abgemäht oder abgerissen von einem wildernenden Hund? Das Leben auf dem Land ist nicht idyllisch, wie es in manchen Filmen und Büchern so gerne dargestellt wird. Das habe ich in diesen Jahren hier in Weisslingen gelernt. Die meisten Bauern halten nichts von Tierfreundlichkeit, und bio ist bei vielen hier ein Reizwort. Die Hobbygärtner sprühen Gifte, die in der Landwirtschaft schon längst verboten sind, auf ihre Fast-Golfrasen, auf denen dann doch niemand sitzt.
Links pfeifen die Vögel aus dem Wald, rechts rauscht dichter Sonntagsverkehr über die Kantonsstrasse. Das Leben ist ein Kommen und Gehen, ein Wechselbad von Gegensätzen, Schönheit und Schrecken gleichzeitig, Leben und Tod, und immer wieder auch Gewalt. Ist so, kann man nichts machen, würde der Fotokünstler jetzt sagen. Und auch Naturnähe, die wir uns so sehr wünschen, hat eben ihren Preis. Auch das gehört dazu.



Die hohen Gräser streicheln sanft über meine Arme, als ich dem Waldrand entlang zurückgehe, und steifen ihre letzten Wassertropfen an mir ab. Meine Schuhe und Hosen sind schon klatschnass. Doch die Sonne scheint nun so stark, dass alles trocknen wird, noch ehe ich zu Hause angekommen bin.



Bald bin ich wieder unten angelangt. Das Islandpony vor dem Stall begrüsst mich schnaubend, und von der Siedlung her klingt es nach Unbeschwertheit, nach spielenden Kindern und plaudernden Eltern beim Kaffeekränzchen. Unermüdlich dreht der Milan hoch über unseren Köpfen weiter seine Runden und schmettert seine Schreie weit übers Land.


Sonntag, 7. April 2019

Spaziergang in Weisslingen - Trauer spazierenführen


Plötzlich überkommt mich wieder diese Panik, das Gefühl zu ersticken, von der Stille und der Leere erdrückt zu werden. Und obwohl ich es nicht vorhatte, ziehe ich mich jetzt schnell um, packe die Kamera und dränge hinaus, raus aus dem Haus, ins Freie, wo ich wieder Luft bekomme. Ohne viel zu überlegen, marschiere ich zu den Feldern der Gärtnerei und dann weiter entlang der Beete in Richtung Weiher. Erst nach gut zehn Minuten zügigem Marschieren, als ich mich dem Waldrand nähere und die Vogelstimmen beginnen, alle anderen Geräusche zu übertönen, lässt meine Unruhe langsam nach. Ich atme aus, verlangsame mein Schritttempo und beruhige mich allmählich. Mit jedem Atemzug lasse ich einen Teil der Anspannung los, und die Natur beginnt mich zu tragen.


Begleitet vom Vogelgesang und umgeben von Bienen und Hummeln, die schon fleissig den Blütenstaub von den Weidekätzchen sammeln, spaziere ich weiter. Meine Wege sind die Streifen aus festgetretener Erde zwischen den langen Beeten, die schon für die Aussaat vorbereitet sind. Welche Blumen werden hier in einigen Monaten wohl wachsen?


Es ist noch früh am Morgen und am Weiher bin ich alleine. Ich setze mich ans Ufer, beobachte die sich kräuselnde Wasseroberfläche, schaue einem Schwarm kleiner Fische zu, lausche dem mannigfaltigen Vogelgesang und geniesse die wärmende Sonne. Die Stille ist jetzt wieder meine Freundin, die Einsamkeit eine Wohltat und die Welt fühlt sich wieder erfüllt und ganz an. Der Zauber, der mich umgibt, durchdringt auch mich.


Allmählich wird aus dem lauen Lüftchen eine kräftige Bise. Zeit für den Heimweg. Ich habe jetzt genug Kraft getankt, um diesem Tag ins Auge zu schauen.
Der Rückweg führt durch den Wald, wo ich mir Schutz vor dem Wind erhoffe, der innert Kürze an Stärke gewonnen hat. Da kommen mir auch schon die ersten Menschen entgegen - Wanderer, Jogger, Hundehalter, Reiter, Pfadfinder und Radfahrer beginnen den Sonntagmorgen zu bevölkern. Mir ist jetzt nicht nach Lächeln und freundlichem Grüssen zumute, deshalb nehme ich die versteckteren Trampelpfade durchs Dickicht. Doch selbst hier treffe ich auf Menschen. Mir fällt auf, wie sich die Dorfbevölkerung seit dem Bau der neuen Siedlungen verändert hat, sie ist jetzt urbaner geworden. Die neuen Bewohner nutzen auch den Wald so, wie sie es von den Städten her gewohnt sind.


Die Kälte erinnert mich daran, dass der Frühling eben erst begonnen hat und noch auf wackeligen Beinen steht. In einem Bogen wandere ich wieder zurück zur Gärtnerei, die an der Sonne liegt. Doch der Wind hat auch hier die Wärme vertrieben. Völlig durchfroren komme ich zu Hause an. Ich sehne mich nach einem heissen Bad. Eine Badewanne gibt es in dieser Wohnung aber leider nicht. Dafür aber einen schönen Holzofen, den ich jetzt anmache, auf dass mich sein Feuer wärmen möge.


Freitag, 29. März 2019

Frühling, Frühling


Frühling, Frühling
streckst deine giftgrünen Griffel aus